Inside Silicon Valley – zwischen Google und Stanford

Der Gesprächszyklus «Schweiz 4.0 plus» befasst sich mit der Frage, wie Unternehmen, Politik und Gesellschaft die Herausforderungen der Digitalisierung meistern. An der zweiten Veranstaltung schilderte Prof. Dr. Benjamin Grewe vom Institut für Neuroinformatik an der ETH Zürich im Rahmen eines Kaminfeuergesprächs persönliche Erfahrungen aus seiner Zeit als Forscher an der Stanford University. Das Fazit von Referent und Teilnehmern: Obschon das Silicon Valley einer der bedeutendsten Standorte der IT- und High-Tech-Industrie weltweit ist, sollte die Schweiz nicht versuchen, das Silicon-Valley-Modell zu kopieren, sondern auf ihre eigenen Stärken setzen.

 Lukas Johannes Wörz     10.10.2017

Moderator Dr. Raban Fuhrmann erklärte bei seiner Einführung ins Thema, dass der im deutschen Sprachraum übliche Begriff 4.0 für ihn die Aspekte Digitalisierung, Globalisierung und Individualisierung umfasse, wobei Ersteres die zugrundeliegende Schlüsseltechnologie darstelle. Fuhrmann bezeichnete die Themenreihe in diesem Zusammenhang als Unternehmensethik Plus, da sie durchaus auch im normativen Sinne zu verstehen sei; im Fokus stünden deshalb eine nachhaltige Entwicklung und neben der Technologie vor allem die Schaffung eines Ordnungsrahmens, zu dessen Beurteilung eine intensive Auseinandersetzung mit der Technologie stattfinden müsse.

Die Region Silicon Valley im US-Bundesstaat Kalifornien sei seit den 1980er Jahren das Symbol für die Symbiose aus hoch innovativer Wissenschaft, Unternehmertum und Finanzierung und sei auf dem Gebiet 4.0 nicht nur weltmarktführend, sondern mittlerweile längst gesellschaftsprägend in Hinblick auf das alltägliche Leben. Das Kaminfeuergespräch mit Prof. Dr. Benjamin Grewe sei nicht als klassischer Vortrag mit Power Point Präsentation konzipiert, sondern als Insiderbericht, der einem das Lebensgefühl an der Stanford University näherbringen soll und so auch Anregungen für neuartige Innovationsförderung hier am See geben kann.

Zwischen Urlaubswetter und Weltkonzernen

Das sonnige Klima, die Brücke, der Strand habe ihn zunächst in den südlichen Teil der San Francisco Bay Area geführt, begann der promovierte Diplomphysiker und Experte für neurale Systeme. Gekoppelt an eine unternehmerische Grundstimmung strahle das ganze Gebiet um die Vorreiterunternehmen Google, Facebook und Co, in der «jeder Student sein eigenes Start-Up» habe und Business Angels allgegenwärtig seien, eine magische Anziehungskraft auf junge Wissenschaftler aus. Er selbst habe Start-Ups lediglich beraten und nicht selbst gegründet, da er in der Wissenschaft bleiben und flexibel sein wollte. Die Bezahlung sei schlechter, Preise und Mieten wesentlich teurer als in der Schweiz, das Leben anfangs nicht einfach gewesen.

Den Entschluss, an der Stanford University zu forschen, fällte Grewe zum einen, weil ihm die Gegend und ihr Geist akademischer Natur gefiel, zum andern aber auch, weil die Stelle seiner Fachrichtung und seinen Vorstellungen entsprochen habe, begründete der Referent. Das wissenschaftliche Arbeiten selbst sei hingegen «nicht so unterschiedlich zur ETH». Der grosse Unterschied bestünde in der «engen Zusammenarbeit mit der Industrie», die dort «Gang und gäbe» sei.

Stanford in Europa? Wo liegen die Unterschiede?

Auf die Frage, ob ein «Stanford in Europa» möglich sei, entgegnete Grewe, die Hochschule verstünde sich selbst als Unternehmen. Während gute Studenten der ETH «von Google und Facebook einfach rausgezogen» würden, lasse sich Stanford die Ausbildung durch Messen teuer bezahlen. Neben zahlenreichen Grossspenden von Bill Gates, Hewlett & Packard und Co, verfüge Stanford über viel Land, das an die Unternehmen vermietet werde. Zu weiteren Einnahmequellen zähle beispielsweise ein eigenes Footballteam. Es läge generell eine «corporate identity» vor, samt eigener mit «Stolz» getragener Kleidungskollektion. Parallel dazu läge eine starke Identifikation in den ansässigen Unternehmen vor, eine in Grewes Augen «unterschätzte Komponente».

Diese Identifikation zeige sich auch in zahlreichen Vorträgen von Google-Mitarbeiten an der Universität, in denen sie über ihre Arbeitsbedingungen schwärmten. Auch eine Einflussnahme der Unternehmen auf die Gestaltung der Lehrinhalte sowie Forschungsziele verneinte Grewe nicht.

Viel interessanter jedoch, so Grewe, seien die Unterscheidungen. Hierzu entwickelte sich in der Folge eine angeregte Diskussion. Grewe betonte die Alleinstellungsmerkale Zürichs: sehr gut ausgebildete Studenten, teilweise die «besten Europas» sowie gutverdienende Postdoc-Wissenschaftler in einer weitaus nachhaltigeren Forschung. Man fahre gut damit, dem amerikanischen System der Erfolgsbewertung, gemessen an der reinen Menge an Publikationen nicht Folge zu leisten. Der Druck an der US-Westküste sei sehr hoch. Dies reiche von den Studenten bis hoch zu den Professoren, was an deutschen und Schweizer Universitäten in dieser Form nicht der Fall sei. Letztlich sei das auch einer der Gründe für Grewes Entscheidung gewesen, nach Europa zurückzukehren, wo «andere Werte und eine andere Philosophie» vorherrschten.

Eigene Stärken fördern

Nach einer Reflexionsrunde, in der die Folgerungen für die Schweiz rege diskutiert wurden, führten die Teilnehmer das Erörterte in Form von «Learnings» zusammen. Die Lehren, die die Teilnehmer zogen, bestanden vor allem darin, dass die Schweiz auf ihre eigenen Stärken setzen sollte, statt zu versuchen, das Silicon-Valley-Modell zu kopieren. Es sei jedoch durchaus wünschenswert, wenn sich ein Teil dieses Geistes etabliere sowie die Start-Up-, Risiko- und Förderkultur in der Bodenseeregion wachse. Hierzu müsse man ein innovationsfreundlicheres Klima schaffen, was auch Aufgabe der Politik sein wird.

Zyklus «Schweiz 4.0 plus: Welche Perspektiven und Folgerungen stellen sich für die Schweiz aus der Digitalisierung?»; Kaminfeuergespräch vom 26. September 2017 «Schweiz 4.0 plus: Inside Silicon Valley – zwischen Google und Stanford» mit Prof. Dr. Benjamin Grewe, Neuroinformatiker, ETH Zürich; Moderation: Dr. Raban Daniel Fuhrmann, Dozent und Inhaber der ReformAgentur, Konstanz; Zusammenfassung: Lukas Johannes Wörz, Universität Heidelberg, studentischer Mitarbeiter bei Dr. Raban Daniel Fuhrmann.

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