Wichtige Weiterbildung

Industrie 4.0: Permanente Weiterbildung wird wichtiger denn je!

Welche Vorkehrungen werden im Bildungsbereich im Zusammenhang mit der Industrie 4.0 getroffen? Unter diesem Titel gaben drei Experten Einblicke in ihre Arbeitsgebiete und liessen sich danach auf eine angeregte Diskussion mit dem Publikum ein. Spannend war zu erfahren, was in den Bereichen Berufsbildungsforschung, Bildungssteuerung sowie der Aus- und Weiterbildung an einer technischen Fachhochschule bereits heute geleistet wird.

 Heinz Bachmann     15.05.2017

Um das Fazit der Veranstaltung vorwegzunehmen: Hinter den Kulissen setzt man sich schon seit Jahren hochkompetent mit dem Thema Digitalisierung der Wirtschaft und der Gesellschaft auseinander. Viele technische Entwicklungen, die gegenwärtig im Mainstream ankommen, sind schon länger bekannt. Zentral in dieser neuen Welt sind die Daten: Deren Erhebung, Auswertung und Sicherung. Die Herausforderung wird weniger im technischen Bereich als mehr im Bereich des gesellschaftlichen Umgangs mit der Technik - der Werte - erwartet. Die Schweiz hat eine lange Tradition in der Verschränkung von Arbeitswelt und dem Bildungssystem. Innovationen und entsprechende Anpassungen sind uns vertraut. Zähes Ringen um Kompromisse in Verteilungsfragen und weltanschaulichen Positionen sind Teil unseres föderalistischen Systems. Etwas vollmundig formuliert: Wenn wir es nicht schaffen, wer dann?

Debatte 4.0

Auch wenn beim Laien manchmal der Eindruck entsteht, dass die Debatte um Industrie 4.0 völlig neu sei, zeigte der Bildungsforscher Erik Haberzeth, dass die Automatisierung der Arbeitswelt und die damit einhergehenden Hoffnungen und Befürchtungen eine lange Tradition haben. Er zitierte das Beispiel der berühmt gewordenen Halle 54 bei Volkswagen aus den frühen Achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts, die praktisch ohne menschliche Arbeitskraft Autos fabriziert hatte. Die damalige Angst, dass der Mensch in der Arbeitswelt überflüssig werde, hat sich so nicht bewahrheitet. Allerdings deutet der Begriff Industrie 4.0 darauf hin, dass mit den neuen Technologien etwas grundsätzlich Neues auf uns zukommt, dessen Folgen noch kaum richtig abzuschätzen sind. Entsprechend tut sich ein weites Feld für Spekulationen auf.

Anhand einer laufenden Studie zur Kompetenzverschiebung im Tätigkeitsfeld der Hafenarbeiter in Hamburg zeigte Haberzeth, was damit konkret gemeint werden kann. Wo früher Menschen Schiffe entladen und beladen haben, agieren heute Maschinen. Tausende von Containern werden wie von Geisterhand auf riesigen Arealen sortiert, gelagert und verschoben. Die Arbeiter sitzen in Büros und überwachen an Bildschirmen das reibungslose Funktionieren von automatisch gesteuerten Maschinen und greifen nur noch bei Fehlfunktionen ein. Die Zahl der Arbeiter hat sich drastisch reduziert und die Handarbeit wurde durch Kopfarbeit ersetzt. Fragen, die sich in diesem Zusammenhang stellen betreffen

Ausbildung 4.0

Lothar Ritter ist Rektor der interstaatlichen Fachhochschule für Technik in Buchs. Das Spezielle an dieser Hochschule ist der enge Austausch mit den technischen Industriebetrieben in der Region. Durch die extreme Marktnähe weiss man sehr genau, was in der Arbeitswelt nachgefragt wird und welche Trends anstehen. Die Ausbildung für die Arbeitswelt 4.0 ist aus technischer Sicht schon heute zum Teil umgesetzt und muss nicht grundsätzlich auf den Kopf gestellt werden. Zu den traditionellen technischen Fächern werden künftig vermehrt systemische Aspekte eine Rolle spielen und sehr wichtig - Sozialkompetenzen. Was fehlt, sind nicht Ausbildungskonzepte auf Fachhochschulstufe, sondern Studierende, die an diesen Themen interessiert sind.

Laut Ritter sind die neuen Technologien exponentiell, digital und kombinatorisch. Die daraus erwachsenden Möglichkeiten zeigen sich erst ansatzweise. Noch nie hatte eine Generaton mehr Möglichkeiten, die Welt zu verändern. Wenn allerdings technische Hürden fallen, kommt der Wertediskussion eine immer wichtigere Rolle zu: In was für einer Welt wollen wir überhaupt leben?

Bildungssteuerung 4.0

Johannes Mure, Leiter des Ressorts Bildungssteuerung im Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation, stellte gleich zu Beginn klar, was man unter Bildungssteuerung zu verstehen hat. Es geht primär nicht darum aktiv einzugreifen, sondern darum, Grundlagen für Bildungsentscheide zu schaffen. Er zeigte auf, wo im Bildungsbereich Handlungsbedarf besteht.

Dabei ist Industrie 4.0 nur ein dringliches Thema nebst anderen so gewichtigen Themen wie Energiewende oder Klimawandel. Aus einer Vogelperspektive und mit etwas Distanz zeigt sich Mure vorsichtig optimistisch im Bezug auf die Bewältigung der Herausforderung 4.0 im Bildungsbereich.

Alle drei Experten waren sich einig, dass die berufliche Ausbildung und die permanente Weiterbildung in Zukunft noch matchendscheidender wird. Die Arbeitswelt wird noch anspruchsvoller werden. Anstelle von Kleinmut plädierten sie aber für mehr Selbstvertrauen in die Innovationskraft des Schweizerischen Bildungs- und Wirtschaftssystems.

Kolloquium vom 8. Mai 2017 «Welche Vorkehrungen werden im Bildungsbereich im Zusammenhang mit der Industrie 4.0 getroffen?»; mit Prof. Dr. Erik Haberzeth, Bildungsforscher, Pädagogische Hochschule, Zürich, Prof. Lothar Ritter, Rektor Interstaatliche Hochschule für Technik, Buchs und Dr. Johannes Mure, Leiter Ressort Bildungssteuerung und -forschung, Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation, Bern; Moderation und Zusammenfassung: Dr. Heinz Bachmann, Aktionsfeld Bildung & Sport.

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