Fagottistin aus Spanien bestach durch Virtuosität und Natürlichkeit

Dass an den Lilienberg-Konzerten ein instrumentaler oder vokaler Solist auf der Bühne steht, ist nichts Aussergewöhnliches. Der Auftritt einer Fagottistin ist jedoch eine Rarität. Am dritten Rezital dieses Jahres erhielten die 110 Gäste einen Einblick ins beeindruckende Ausdrucksspektrum des Fagotts. Marina Garcia Gallego spielte, am Klavier begleitet von Luis del Valle, Kompositionen von Tansman, Saint-Saëns, Weber und Schumann.

 Stefan Bachofen     30.08.2017

Das tiefe Fagott, Bassinstrument aus der Holzbläsergruppe, hat ausdrucksmässig viel mehr zu bieten, als man ihm gemeinhin zutraut. Marina Garcia Gallego demonstrierte dies am letzten Sommertag im August anschaulich. Zusammen mit ihrem ebenfalls aus Spanien stammenden Klavierpartner Luis del Valle unternahm sie einen informativen Streifzug durch das Repertoire, das zwischen dem 18. und 20.Jahrhundert für ihr Instrument entstanden war.

Das Spektrum war breit, es reichte von Carl Maria von Webers Andante e Rondi Ungarese, über die Fantasiestücke Robert Schumanns und die Fagott-Sonate von Camille Saint-Saëns bishin zur noch jungen Sonatine von Alexandre Tansman aus dem Jahr 1952.

Diese machte den Auftakt des von Eva Oertle moderierten Konzerts. Trotz ihrer Leichtigkeit stellte die Sonatine des polnischen Komponisten hohe Anforderungen an die Fagottistin. Denn das dreisätzige Werk mit immer wieder wechselnden Taktarten lebt von den vielen Kontrasten zwischen energiegeladenen pulsierenden Abschnitten auf der einen, rezitativischen Phrasen, grossen Melodiebögen und ironischen Brechungen auf der anderen Seite. Deutlich zu spüren ist auch Tansmans Vorliebe für Jazzrhythmen.

Der Komponist ohne Affinität zum Fagott

Der Franzose Camille Saint-Saëns, dessen Vorbilder Haydn und Mozart waren, hatte eigentlich keine besondere Affinität zum Fagott. Doch davon spürten die Zuhörer des Rezitals wenig, als sie den Klängen von Marina Garcia Gallegos Fagott lauschten. Im Gegenteil: Die Sonate in G-Dur, die Saint-Saëns als 85-Jähriger als eine seiner letzten Kompositionen geschrieben hatte, ist ein spritziges und ausdrucksstarkes Werk und lässt nicht ahnen, dass sich der Komponist mit dem Fagott nur wenig vertraut fühlte. «Ich verwende meine letzte Kraft darauf, das Repertoire der sonst so vernachlässigten Instrumente wie die Klarinette, die Oboe und eben das Fagott zu erweitern», soll  Saint-Saëns kurz vor seinem Tod gesagt haben und machte sich in Nordafrika, wo er ein Refugium gefunden hatte, an die Komposition. In einem Brief gestand er dann indessen seinem Verleger, «dass er lieber einen Blick ins Lehrbuch geworfen habe, um sich bei einer hohen Stelle über den Tonumfang des Fagotts zu vergewissern». Damit liess er noch im hohen Alter den Willen zur Weiterbildung erkennen.

Wärmende Fagott-Klänge

Das älteste Stück, das zur Aufführung gelangte, war das Andante e Rondo Ungarese von Carl Maria von Weber. Er hatte die ursprüngliche Version des Werks anno 1809 im Alter von 23 Jahren für seinen Bruder, einen Bratschisten, geschrieben. Die Bearbeitung für Fagott erfolgte vier Jahre später. Die Fagott-Fassung setzte sich auf Dauer durch und ist noch heute ein Bravourstück für Fagott-Studenten und -Solisten. Der Vortrag gelang den Künstlern melodiös, mit wärmenden, leicht vibrierenden Klängen des Fagotts.

Zum Schluss erklangen im Lilienberg Zentrum die Fantasiestücke des Romantikers Robert Schumann. Sie zeichnen intensive Stimmungsbilder und sind mit technischen Herausforderungen nur so gespickt. Das Publikum erlebte, wie die Fagottistin Atemtechnik und Körperhaltung perfekt in Einklang brachte und bedankte sich mit einem herzlichen Applaus für das wunderbare Konzert. Marina Garcia Gallego verabschiedete sich daraufhin ihrerseits mit einer lyrischen Zugabe, dem 2. Satz aus dem Konzert in G-Dur von Antonio Vivaldi, jenem Komponisten, der am meisten Werke für Fagott geschrieben hatte, nämlich 42. Zur Überraschung der Zuhörer und von Gastgeberin Susanne Rau-Reist betrat noch ein zweiter Fagott-Spieler, Miguel Ángel Pérez, ein guter Freund von Marina Garcia Gallego, die Bühne und bewies im Trio, dass er dem Star des Abends musikalisch in nichts nahe steht.

Brillant und geschmeidig

Fazit des Abends: Marina Garcia Gallego bestach durch ihr brillantes und geschmeidiges Spiel, das die klanglichen Möglichkeiten des Fagotts voll ausreizte. Der Auftritt der Spanierin faszinierte im Miteinander von hoher Virtuosität und charmanter Natürlichkeit. Die Kompositionen boten der Fagottistin die ideale Gelegenheit, die Spielweisen des Instrumentes auszukosten und das Publikum zu begeistern. Und Luis del Valle war ihr stets ein verlässlicher Begleiter, der sich bei aller Virtuosität nie in den Vordergrund drängte.

Lilienberg Rezital vom 29. August 2017 mit Marina Garcia Gallego (Fagott) und Luis del Valle (Klavier); Gastgeberin: Stiftung Lilienberg Unternehmerforum, vertreten durch Susanne Rau-Reist; Moderation: Eva Oertle Zippelius.

Weitere Artikel: