Digitalisierung: ein Segen für Unternehmen und Gesellschaft?

In den nächsten zwei Jahren widmet sich das Lilienberg Unternehmerforum in enger Zusammenarbeit mit EthicsFirst unter dem Motto «Schweiz 4.0 plus» den Perspektiven und Folgerungen, die sich aus der Digitalisierung für Unternehmen und Gesellschaft in der Schweiz ergeben. Den Auftakt machte Ende Juni eine Veranstaltung, in der die Teilnehmer Einblicke in Trends und Perspektiven der neuen industriellen Revolution und ihrer Implikationen erhielten. Damit wurde die Basis gelegt zur weiteren Bearbeitung der Frage: Wie meistern Unternehmen und Politik die Herausforderungen der Digitalisierung?

 Lukas Johannes Wörz     12.07.2017

Moderator Dr. Raban Daniel Fuhrmann, Themenfeld-Beauftragter für diese Gesprächsreihe,  leitete die Veranstaltung mit einem kurzen Abriss der Entwicklung von Industrie 1.0 zu 4.0 ein, verbunden mit der Ermahnung, nicht nur den aktuellen Stand der Technik zu betrachten, sondern das Kommende in den Blick zu nehmen. Die Dynamik der technologischen Entwicklung überschlage sich geradezu. Digitalisierung sei sowohl Verlockung als auch Bedrohung. Im Mittelpunkt stehe darum die Frage, wie ein Plus durch Digitalisierung erreicht werde, das heisst der Nutzen erschlossen und die Gefahren gebändigt würden durch ein proaktive – und nicht erst reaktive – Unternehmens- und Ordnungspolitik.

Die Voraussetzungen seien wirtschaftlich gut, da man sich inmitten der europäischen Region befände, in der zwei Drittel der führenden 4.0-Unternehmen der Welt sässen. Doch dies erfordere, dass die Politik schneller lernen und reagieren müsse als die Digitalisierung neue Fakten schaffe: Industrie 4.0 bräuchte also eine demokratische Politik 5.0., die – dem Wandel vorauseilend – die Spiel- und Rahmenregeln setzt. Wie ist dies möglich?

Was ist neu an 4.0?

Stefan Klauser von der ETH Zürich zeigte die zentralen Technologien und ihre jeweiligen Potenziale sowie Risiken auf. Aufgegriffen wurden die Technologien Big Data, Künstliche Intelligenz, Internet der Dinge und Blockchain sowie die Wirtschaftsfelder Dezentralisierung, ICOs, Netzwerke, kombinatorische Innovation, Sharing Economy & Circular Economy.

Die wahre Herausforderung der vierten industriellen Revolution sei nicht die Technologie, sondern es sind die gesellschaftlichen Umbrüche, die dadurch hervorgerufen würden. Auf dem Jobmarkt bahne sich ein revolutionärer Wandel an. Eine konservative Schätzung des World Economic Forum kam auf fünf Millionen neue Jobs bis 2020. Auf der anderen Seite gebe es auch Untersuchungen, die mit einem Nettoverlust von 50 Prozent aller Arbeitskräfte rechnen. Klauser lenkte den Fokus seines Vortrags daher auf generelle Diskussionen, zum Beispiel ein Grundeinkommen. Während die Demokratie Gefahr laufe, zum Auslaufmodell zu geraten, da sie langsam und schwerfällig sei, brächten Soziale Medien Gefahren wie Radikalisierung mit sich. Der Raum für sich überschneidende Ansichten nehme ab.

Klausers Fazit war, dass drei Konzepte massgeblich für einen erfolgreichen gesellschaftlichen Wandel seien: Datenhoheit, eine digitale Kreislaufwirtschaft und kollektive Entscheidungsfindungen. Er bewarb daher zusätzlichen Einbezug der Bevölkerung sowie ein noch höheres Mass an direkter Demokratie, ohne dabei die ethischen Fragen aus den Augen zu verlieren, sodass einer Gefahr der Entkopplung vorgebeugt werde, damit die Politik nicht der Digitalisierung hinterherhinke.

Chancen und Herausforderungen der fortgeschrittenen Digitalisierung

Es folgte ein Vortrag von Dr. Karin Vey (IBM) über digitale Trends und die damit einhergehenden Strategien, um als Mensch und Unternehmen in einer digitalisierten Zukunft weiterhin relevant zu bleiben. Die Psychologin und Physikerin bezeichnet die Künstliche Intelligenz (K.I.) ebenfalls als die grösste Veränderung, die «die nächste grosse Revolution» längst eingeleitet habe. Digitale Trends in einer global vernetzten Welt ermöglichten es, neue Geschäftsideen innerhalb von wenigen Tagen oder gar Stunden bis zur Umsetzung zu bringen.

Man möge sich die einzelnen Bausteine der Chinesischen Mauer als Datenmenge eines 32GB iPads vorstellen. Wenn man diese wiederum 200-fach stapele erreiche man etwa 165 Zettabyte (ZB: 1 mit 21 Nullen) – die gesamte Datenmenge, die IBM für das Jahr 2025 prophezeit. Eine unvorstellbar grosse Informationsmenge also, die es gelte mit Hilfe von K.I. sinnvoll zu nutzen. Nach zahlreichen Einsatzbeispielen der IBM-eigenen K.I. «Watson» ging Dr. Vey zu den wichtigen Kompetenzen der Führungskräfte der Zukunft über: Nötig seien vor allem Prinzipien sowie mehr Konzentration auf Wesentliches. Ins Gespräch brachte sie zudem Ethik(-module) bei der K.I.-Weiterentwicklung: «Die grossen Herausforderungen lösen schon ein mulmiges Gefühl aus – auch bei mir. Aber auch Maschinen sind von diesem mulmigen Gefühl nicht ganz befreit.»

Bildung ist der Schlüssel

Nach der Kaffeepause leitete Dr. Ernst von Kimakowitz (Humanistic Management Center St. Gallen) die Gruppenarbeiten und Diskussion mit einer Reflexion des Gehörten ein; sein Hauptaugenmerk lag auf dem Bedarf, wie man unter 4.0 angemessen führt und dem damit einhergehenden gesellschaftlichen Diskurs über die ethischen Folgen.

In Diskussionsgruppen wurden daraufhin sechs Schlüsselfragen für den künftigen Umgang mit dem Thema Schweiz 4.0 plus erarbeitet: Tätigkeit und Beschäftigung, nötige Bildungsreformen, Kompetenzen des Individuums, Grenzen der Technologie, Datenhoheit/ Sicherheit/ Privatsphäre sowie die Frage, wie es gelingt, die Entwicklung proaktiv zu steuern. Die grösste Aufmerksamkeit sollte den Teilnehmern und Referenten zufolge in der Entwicklung guter Lösungen für Bildung, Sicherheit und Privatsphäre liegen.

Im weiteren Verlauf der Themenreihe werden die Verantwortlichen des Gesprächszyklus unter der Leitung von Dr. Raban Fuhrmann all diesen Fragen nachgehen. Der Fokus wird dabei auf dem unternehmerischen und ordnungspolitischen Handlungsbedarf liegen, damit die Digitalisierung zum Segen für Unternehmen und Gesellschaft wird.

Zyklus «Schweiz 4.0 plus: Welche Perspektiven und Folgerungen stellen sich für die Schweiz aus der Digitalisierung?»; Kolloquium vom 28. Juni 2017 «Digitalisierung – Fluch oder Segen?» mit Dr. Karin Vey, Executive Innovation Consultant des IBM ThinkLab von IBM Research, Rüschlikon, Stefan Klauser, Institut für Geistes-, Sozial- und Staatswissenschaften der ETH Zürich, und Dr. Ernst von Kimakowitz, Gründer des Humanistic Management Centers St. Gallen und Managing Director von EthicsFirst; Moderation: Dr. Raban Daniel Fuhrmann, Dozent und Inhaber der ReformAgentur, Konstanz; Zusammenfassung: Lukas Johannes Wörz, Universität Heidelberg, studentischer Mitarbeiter bei Dr. Raban Daniel Fuhrmann. 

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