Der reformierte Bischof

«Die Reformation nimmt Themen auf, die in der Luft liegen»

151. Lilienberg Gespräch mit Dr. theol. Gottfried Locher, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes

Er ist der oberste Reformierte der Schweiz. Gottfried Locher versteht sein Amt als ein geistliches. An sich selbst und an die Kirche stellt er hohe Ansprüche: Das Produkt müsse stimmen, wolle man es ans Volk bringen. Und das Produkt Kirche stimmt für ihn, wenn der Leerraum, den die Kirche bietet, mit theologisch Fundiertem und für die Menschen Verständlichem gefüllt wird.

 Dorothe Kienast     06.06.2017

Ein grosses Hugenottenkreuz – das Malteserkreuz mit der sich herabsenkenden Taube als Symbol des heiligen Geistes – prangt an der Brust von Gottfried Locher. Es liegt auf der Krawatte auf, dem Zeichen der Geschäftsleute, die sich sonst auf Lilienberg treffen.

Es ist schon eine Weile her, dass sich ein so hoher Kirchenmann im Lilienberg Unternehmerforum eingefunden hatte. So lockte denn das von Christoph Vollenweider moderierte Gespräch mit dem Präsidenten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, Dr. theol. Gottfried Locher, eine ansehnliche Schar Interessierter an. Die Diskussionen zogen sich hin weit über das Gespräch auf dem Podium hinaus in den Abend bei einem guten Essen – und dem von Locher gerne erwähnten «guten Glas Wein».

Nicht provokativ, aber theologisch klar begründet

So sperrig das Hugenottenkreuz, das er trägt, so sperrig wirken auch viele seiner Aussagen – er nennt sie «Fettnäpfchen», die er nicht auslasse. Beim genauen Hinhören merkt man aber, dass seine Aussagen nicht provokativ sein wollen. Sie sollen klar sein, theologisch begründet und sich nicht einem niederschwellig wirkenden, locker-leichten Zeitgeist anbiedernd.

Wie alles bei Gottfried Locher ist auch das Tragen des Hugenottenkreuzes wohl durchdacht. «Ich zeichne mich als protestantischer Geistlicher aus.» Locher versteht sich «nicht als Präsident des Schweizerischen Evangelischen undsoweiter», sondern als Oberhaupt der Reformierten der Schweiz. Mit etwas Scheu nimmt er für sich den Begriff «Bischof» in den Mund, was für Reformierte fremd klingen mag. Locher stellt klar, dass es ihm nicht um ein monarchisch-pompös angehauchtes Bischofsamt gehe. Im Unterschied zur katholischen Tradition gibt es für die Reformierten weder ein obrigkeitlich noch ein demokratisch verordnetes Glaubensbekenntnis. Die Strukturen der Kirche sind demokratisch – für den Glauben gelte «sola scriptura», allein das Evangelium. Evangelisch nennt er deshalb seine Konfession auch, während er mit «evangelikal» eine einengende und biblizistische Auslegung meint, und gleich anfügt, er wolle «süüferli» sein, wenn er über andere spreche.

Und Locher spricht nicht nur über andere, er spricht auch mit ihnen. Kurz vor dem Gespräch auf Lilienberg traf er in Sarajewo das dortige Oberhaupt der muslimischen Gemeinschaft, den Obermufti. Er habe selbst in der Moschee das grosse Hugenottenkreuz nicht abgelegt. Bei Symbolhandlungen und blossen Gesprächen mit Lippenbekenntnissen ist es nicht geblieben: Beide Geistlichen unterschrieben die «Sarajewo Message», in der sich beide Religionsvertreter auf Grundwerte einigten, die sowohl für Christen als auch für Muslime in der Schweiz gelten sollen: Demokratie, die Gleichheit fundamentaler Rechte von Mann und Frau und die Glaubensfreiheit – für Muslime ein schwieriger Gedanke. Der wirklichen Integration von Muslimen in der Schweiz sind damit entscheidende Türen geöffnet.

Christliche Kirchen im «religiösen Markt»

So wie Locher den Dialog mit den Muslimen führt, so wichtig ist es ihm, mit den Katholiken, von deren Kirche sich die reformierte Kirche (erst!) vor 500 Jahren getrennt hat, im Gespräch zu bleiben. Die Stimme des Christentums und der Christen in Europa können nur geeint gehört werden. Er denke nicht, dass sich die reformierte und die katholische Kirche einst wieder vereinen würden – aber sie sollen im Gespräch bleiben und gemeinsame Interessen auch gemeinsam vertreten, so Locher. Die reformierte und die katholische Kirche seien wie der rechte und der linke Lungenflügel – getrennt an der gleichen Aufgabe wirkend.

Die Reformation vor 500 Jahren – wobei es für die Reformation in der Schweiz kein klares Stichdatum gibt – sei deshalb möglich gewesen, weil es mutige Menschen gab, welche die Themen, die in der Luft lagen, aufgenommen, darüber nachgedacht, sich in der Schrift kundig gemacht und konsequent gehandelt haben. Reformation in diesem Sinne sei immer (noch) möglich – und notwendig.

Die christlichen Kirchen befinden sich in einem «religiösen Markt», wie Locher es nannte. Und, um in einem Markt zu bestehen, müsse man in erster Linie gut arbeiten und sich erlauben, den Leerraum, den die Kirche bietet, mit theologisch Fundiertem zu füllen. Wie lange es denn die Kirche in der Schweiz noch gäbe? «So lange es sie braucht. Und wenn es sie nicht mehr braucht, dann wird etwas anderes ganz Grosses sein.»

151. Lilienberg Gespräch vom 23. Mai 2017 mit Dr. theol. Gottfried Locher, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes;  Moderation: Christoph Vollenweider, Leiter Programm und Publikationen; Zusammenfassung: Dorothe Kienast.

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