«Die NZZ ist eine Institution in Zürich wie die ETH»

156. Lilienberg Gespräch mit Eric Gujer, Chefredaktor NZZ

Die Neue Zürcher Zeitung geniesst nicht nur in der Schweiz ein hohes Ansehen, sondern auch in Deutschland, ist Eric Gujer, Chefredaktor der NZZ, überzeugt. Wie auch andere Printmedien kämpft die NZZ mit rückgängigen Inserateeinnahmen. Doch Gujer gibt sich zuversichtlich und setzt auf Angebote im Internet.   

 Bruno Fuchs     21.12.2017

Seit März 2015 ist er Chefredaktor der renommiertesten Zeitung der Schweiz, der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ). Doch allein seine Position an der publizistischen Spitze des Blattes zeichnet ihn nicht vollumfänglich aus – Eric Gujer zählt zu den bedeutendsten Journalisten und Intellektuellen der Schweiz. Er geniesst im Ausland hohes Ansehen als Kenner der EU, Deutschlands, Osteuropas und des Nahen Ostens. Dieses Wissen verdankt er seiner 30-jährigen Tätigkeit als Korrespondent bei der NZZ. Auf die Frage von Moderator Dr. Andreas Jäggi, wie er seine Wahl zum Chefredaktor erlebt habe, mochte er nicht über sich reden und sagte ausweichend: «Ich habe bei der NZZ ein grossartiges Team, das mich bei der Arbeit unterstützt. Die NZZ ist eine Institution in Zürich wie die ETH. Es ist aber bei der Zeitung Fluch und Segen zugleich – jeden Tag muss eine Zeitung produziert werden.»

Das fundierte Wissen von Gujer verwundert nicht: Er war unter anderem für die NZZ Korrespondent in der DDR, in Israel, in Moskau und in Deutschland zur Zeit der Bundeskanzler Helmut Kohl und Gerhard Schröder sowie später von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Gujer lobte die Verbindung seiner Zeitung zu den politischen Spitzen Deutschlands und sagte: «Als NZZ-Korrespondent hat man in Deutschland immer einen Vorteil. Die NZZ geniesst im nördlichen Nachbarland einen guten Ruf.» Das habe unter anderem damit zu tun, dass die Zeitung während der Nazi-Zeit eine unabhängige deutschsprachige Zeitung geblieben war. Heute hat das Blatt im Internet mehr Leser in Berlin als in Bern, zog er einen Vergleich.

NZZ erfüllt einen gesellschaftlichen Auftrag

Eric Gujer sieht in der NZZ nicht einfach ein Informationsblatt, sondern eine Zeitung für gehobene Bedürfnisse und meinte: «Für eine Demokratie, wie sie in der Schweiz gelebt wird, ist eine Zeitung wie die NZZ sehr wichtig.» Das Blatt koche Geschichten nicht hoch, wie das andere Zeitungen tun, sondern drucke Foren und Kommentare ab, damit sich die Leser eine Meinung bilden können. Auch den Aktionären der NZZ gehe es darum, mit der Zeitung einen gesellschaftlichen Auftrag zu erfüllen und nicht in erster Linie um dicke Gewinne zu erwirtschaften.

Gujer und Jäggi kamen am Lilienberg Gespräch von anfangs Dezember nicht darum herum, auch die wirtschaftliche Situation der Printmedien zu thematisieren. Früher machten die Erlöse aus den Inseraten bei einer Zeitung 70 Prozent der Einnahmen aus, die restlichen 30 Prozent kamen aus dem Abonnementsverkauf. Heute fallen die Inserateeinnahmen bei den Printmedien zu einem grossen Teil weg und wandern ins Internet. Dort schöpfen Facebook und Google die grossen Gewinne ab. Laut Gujer geht Tamedia den sicheren Weg, indem sie Regionalblätter aufkauft und eine zentrale Redaktion einsetzt, die für sämtliche Blätter einen redaktionellen Mantel, also einen separaten Zeitungsbund, mit überregionalen Themen liefert (siehe Kasten). Die NZZ sucht nach einem Zahlmodell im Internet und möchte das E-Paper in Deutschland weiterbringen.

Niemand würde heute die SRG erfinden

Nicht nur die Printmedien stehen unter Druck – auch die SRG. Gujer hat in Bezug auf die SRG eine klare Haltung: «Wenn es heute die SRG nicht geben würde, käme niemand auf die Idee, diese zu erfinden!» Er könnte sich durchaus eine andere Verteilung der finanziellen Mittel vorstellen, so dass die NZZ auch davon profitieren und das Geld beispielsweise in Korrespondenten investieren könnte. In der Schweiz sieht er derzeit bei der Medienvielfalt ein Problem: Es gibt keine Alternative zur SRG. Er ist nicht für eine Abschaffung der SRG, sondern würde eine Verkleinerung des Mediums begrüssen.

Wie sieht Eric Gujer die Zukunft der Medien? Die jungen Menschen seien sich gewohnt, ganz unterschiedliche Medienangebote zu nutzen. In zehn bis zwanzig Jahren werde es national noch zwei bis drei Anbieter geben und sämtliche Regionalblätter werden diesen Anbietern gehören, sagte Gujer. «Die NZZ wird mehr Angebote im Netz haben als bisher, speziell auch für Leser in Deutschland. Technik, Verlag und Redaktion müssen noch enger  zusammenarbeiten.»

156. Lilienberg Gespräch vom 5. Dezember 2017 mit Eric Gujer, Chefredaktor NZZ; Moderation: Dr. Andreas Jäggi, Aktionsfeld Medien & Kommunikation; Zusammenfassung: Bruno Fuchs. 

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