«Die Menschheit hat immer wieder Wege aus den Krisen gefunden»

Kaspar Villiger äusserte auf Lilienberg kritische Worte zur praktizierten Demokratie – stellt sie aber nicht grundsätzlich in Frage. Der Staat müsse Wohlstand garantieren und die Volkswirtschaft sich erneuern können. Jungen Menschen empfiehlt er eine gute Bildung und den Älteren, die Freude an der Arbeit zu wahren.

 Bruno Fuchs     23.03.2016

Bereits zehn Minuten vor Beginn des Lilienberg Gesprächs mit Kaspar Villiger sassen die zahlreich erschienenen Gäste auf ihren Stühlen. Sie wollten auf keinen Fall den Gesprächsanfang verpassen und schon gar nicht eine kurze Filmsequenz, die Villiger zeigt, als er am 7. April 1989 bei der Einweihung des Lilienbergs die offizielle Eröffnungsansprache gehalten hatte. Die Besucher wussten, was sie mit Kaspar Villiger erwarten wird: Ein Politiker und Unternehmer mit einem fundierten Wissen, ein hervorragender Rhetoriker oder, wie es Moderator Christoph Vollenweider ausdrückte: «Wir haben mit Kaspar Villiger eine aussergewöhnliche Persönlichkeit bei uns. Er ist einer der ganz wenigen Unternehmer der Gegenwart, der in die Politik eingestiegen ist und Bundesrat wurde.»

Mit diesen Worten Vollenweiders stiegen die Erwartungen an den ehemaligen Bundesrat (1989 bis 2003). Der Moderator sprach Villiger zuerst auf einen kürzlich erschienenen Gastautoren-Artikel in der NZZ an, in dem Villiger Anstösse gegeben hatte, wie man in einem gesellschaftlich «chaotischen Umfeld» die richtigen Entscheide finden kann. Villiger präzisierte seine Aussagen aus dem NZZ-Beitrag. Er sei im Kalten Krieg gross geworden und habe den Mauerfall zwischen Ost- und Westdeutschland erlebt, sagte er. Zu dieser Zeit wurden Marktwirtschaft und Demokratie als grosse Sieger gefeiert. Laut Villiger, der auch mehrere Bücher schrieb, steckt die Demokratie heute in der Krise. Zwar versuchen die USA, Demokratie mit mässigem Erfolg ins Ausland zu exportieren, doch es zeigt sich, dass Nationen wie China wirtschaftlichen Erfolg ohne Demokratie aufweisen.

Kaspar Villiger stört sich bei der aktuell praktizierten Demokratie an elementaren Punkten. Ein Politiker werde nicht bestraft, wenn sich der Staat hoch verschulde, führte er als Beispiel an. Wenn jedoch ein Unternehmen tiefrote Zahlen schreibe, müsse der CEO nicht selten seinen Posten räumen. Wie krank das System ist, zeigen laut Villiger die vielen Verletzungen der Menschenrechtskonventionen. Mit Blick auf die Türkei meinte er, dass man deren Präsident Erdogan für sein Handeln zur Rede stellen müsste.

Kaspar Villiger stellt fest: «Wir leben heute in einem derart komplizierten System, wo kaum jemand in der Lage ist, alles richtig zu erfassen.» Er verglich die angespannte Situation mit einem «Schmetterlingsschlag in Peking, der in den USA einen Hurrikan auslösen» könne.

Marktwirtschaft, tiefe Steuern und Bildung

Trotz der nicht sehr positiv ausgefallenen Analyse will Villiger nicht schwarzmalen. Damit ein Staat Wohlstand garantieren kann, brauche es gemäss dem ehemaligen Bundesrat eine Marktwirtschaft, in der die Menschen die Früchte der Arbeit ernten können. Es dürfe nicht sein, dass Steuern dem Unternehmer alles wegfressen. Eine Volkswirtschaft müsse sich erneuern können und da schade zu viel Kündigungsschutz, sagte er weiter. Firmen verpflichten lieber einen Arbeitnehmer weniger, weil sie Bedenken haben, dass sie ihn nicht mehr loswerden können. Mit Blick zu den jungen Lilienberg-Besuchern sagte er zum Wohlstand: «Es braucht Bildung, Bildung, Bildung. Talente müssen in Bezug auf die Berufsausübung vermehrt gefördert werden.»

Kaspar Villiger versetzte sich gedanklich in die Lage der anwesenden Gymnasiasten aus Konstanz und erinnerte sich, dass er sich in diesem Alter nicht gross für Politik interessiert hatte. Sein Vater starb, als er 25-jährig war, und als er im Familienunternehmen zu arbeiten begann, stieg sein Interesse an der Politik. Auf die Frage, warum viele Unternehmer den Spagat zwischen Politik und Firmenleitung nicht wagen, antwortete er: «Als Unternehmer bestimmt man oft selber und der Entscheid wird umgesetzt – in der Politik müssen Mehrheiten gewonnen werden, und das braucht oft Überzeugungsarbeit.»

Der Bundesrat sei zu seiner Zeit gruppendynamisch interessant gewesen. Die Parteizugehörigkeit habe weniger eine Rolle gespielt. Hingegen sei seine Funktion als Bundespräsident prägend gewesen, weil er bei Abstimmungen den Stichentscheid gehabt hätte, sagte Villiger.

Freude haben an der Arbeit – auch im Alter

In der Diskussion stellte ein Gast Kaspar Villiger die Frage, ob die heutige Altersvorsorge ausreichend sei. Das Gesamtsystem müssen nicht erneuert werden, sagte Villiger. Man komme aber mittelfristig nicht darum herum, das AHV-Alter zu erhöhen. Die Wirtschaft nehme eine wichtige Rolle ein, denn diese müsse sich überlegen, wie sie alten Leuten die Arbeit schmackhaft machen will.

Bei all den heiklen nationalen und globalen Problemen verliert Kaspar Villiger den Optimismus nicht. «Die Menschheit hat immer wieder Wege aus den Krisen gefunden. Ich bin zuversichtlich, dass das auch im 21. Jahrhundert der Fall sein wird. 

141. Lilienberg Gespräch vom 14. März 2016 mit Kaspar Villiger, ehemaliger Bundesrat und Unternehmer; Moderation: Christoph Vollenweider, Leiter Unternehmertum; Zusammenfassung: Bruno Fuchs.

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