Die Sprache ist bei den Integrationsbemühungen von elementarer Bedeutung

Schule, Berufsbildung und Arbeitswelt haben bei der Integration von jungen zugewanderten Menschen mit muslimischem Hintergrund eine tragende Rolle. Eine erfolgreiche Massnahme bei der Integration von fremdländischen Jugendlichen ist der Einbezug von muttersprachlichen Betreuungspersonen. Ein weiteres Fazit von Berufsbildnern: Eingewanderte Jugendliche bringen oft den Willen mit, höhere Schul- oder Berufsziele anzustreben. Vorausgesetzt, sie können sich unter den Menschen in ihrem Zufluchtsland entfalten.

 Marcel Vollenweider     10.06.2016

Im vierten Anlass der Gesprächsreihe «Die Muslime in der Schweiz - und ihre Integration» befassten sich zwei Referenten mit einem Thema, das durchaus Zündstoff beinhaltet. Dies vor allem wegen der aktuell brisanten Asyldebatte, die aufgrund der dramatischen Ereignisse im Irak, in Syrien oder in Nigeria und den nicht abreissenden Flüchtlingsströmen auch in europäische Zentren, geführt wird. Walter Strasser, Schulleiter in Müllheim, und Beatrice Gregus, Rektorin des Thurgauer Bildungszentrums für Gesundheit und Soziales in Weinfelden, berichteten auf Lilienberg von ihren Integrationserfahrungen und zeigten Lösungsansätze auf, wie eine Integration von jungen, zugewanderten Menschen mit muslimischem Hintergrund funktionieren kann.

Muttersprachliche Betreuerinnen engagiert

Als Walter Strasser noch in Bürglen unterrichtete, dies war um die Jahrtausendwende der Fall, sah sich die Schule unvermittelt vor eine riesige Herausforderung gestellt. Plötzlich hatten über 200 zugewanderte Arbeitskräfte der Textilindustrie ihre Tätigkeit in einem Unternehmen im Dorf aufgenommen. «Was sollten wir tun? Die Schule war herausgefordert, und zwar nicht wegen der Kopftücher», betonte Strasser. Nein, die Arbeitssuchenden hätten auch ihre Kinder ins Dorf gebracht, und diese habe man ausbilden müssen.

«Wir haben im Dorf eine Art Marktstand aufgestellt, dann die neuen Schüler in ihre Klassen begleitet. Wir wussten bei vielen nicht, wie alt sie überhaupt sind. Wir wussten aber, dass wir keine ‚Klumpenbildungen’ in einzelnen Klassen haben wollten, und so verteilten wir die Kinder auf die verschiedenen Klassen», erinnerte sich Strasser. Später sei im Rahmen einer Retraite die zündende Idee entstanden, umgehend muttersprachliche Betreuerinnen zu rekrutieren. «Nun standen den Lehrpersonen eine Türkin, eine Albanerin und eine Serbin zur Seite, und plötzlich war eine Konservation möglich», blickte der Referent zurück. Dann sei es darum gegangen, die zumeist weniger gut gebildeten Eltern ins Boot zu holen.

Wichtige Netzwerkpflege aufgegeben

Strasser: «Wir haben uns in dieser Phase mit ganz rudimentären Fragen beschäftigt: Wie bediene ich einen Billet-Automaten, wie kaufe ich ein, wie gehe ich über die Strasse?» Es sei ein Geschenk gewesen, dass die Betreuerinnen wichtige Vermittlungsaufgaben übernommen hatten. «Wir haben auch Pflicht-Elternabende eingeführt», erzählte der Referent. Und wie ist die Geschichte weitergegangen? «Nach meinem Rücktritt als Schulpräsident ist der Ansatz, muttersprachliche Betreuungspersonen einzusetzen, wieder verworfen worden.» Seither gebe es keine Netzwerkpflege mehr. Ohne diese würden Integrationsbemühungen jedoch kaum funktionieren können. Mit Wehmut blickt er zurück: «Muttersprachliche Personen in die Integrationsarbeit einzubinden wäre ein Erfolgsmodell. Die Fremdsprachigen haben sich ernst genommen gefühlt.»

Versöhnlich stimmt Strasser, dass er immer wieder auf ehemalige Schüler trifft, denen man mit dem mittlerweile aufgegebenen Modell die Integration habe erleichtern können. «Aus einigen von ihnen sind inzwischen erfolgreiche Unternehmer geworden», freut er sich.

Migrationshintergrund braucht kein Stolperstein zu sein

Am Thurgauer Bildungszentrum für Gesundheit und Soziale, an dem Beatrice Gregus als Rektorin tätig ist, werden 800 Lernende unterrichtet. «Ein Viertel hat einen Migrationshintergrund», schilderte sie die Situation. Bei der Klassenzusammensetzung achte man bewusst darauf, dass sowohl Männer als auch Frauen, dann aber auch Menschen mit Migrationshintergrund zusammen mit Schweizern eine Lerngemeinschaft bilden würden.

Die Referentin beleuchtete an zwei Beispielen, dass Lernende mit Migrationshintergrund bei Zielstrebigkeit und auch bei allenfalls vorhandenen sprachlichen Defiziten das persönliche berufliche Vorwärtskommen selber bestens steuern könnten. Gregus erzählte von einer heute 22-jährigen Türkin aus Kurdistan, die 2008 in die Schweiz kam, nachdem ihr Vater als politischer Flüchtling bereits vorher hier Aufnahme gefunden hatte. «In der Schule ist sie dann durchgestartet und später in die Berufsbildung zur Fachfrau Gesundheit eingestiegen. In einem weiteren Schritt studierte sie an der Berufsmittelschule Gesundheit und Soziales», berichtete Gregus. Die junge Frau sei nicht zuletzt darum auf ihrem Weg zur Berufsfrau so erfolgreich gewesen, weil sie alles gegeben habe, um schnell Deutsch zu lernen. Gregus betonte, dass neben der Schule auch die Lehrbetriebe hervorragende Integrations- und Erziehungsarbeit leisteten.

Ein aus Afghanistan zugewanderter Bursche, im Jahr 2000 von den eigenen Eltern aus dem Land geschickt, habe die Ausbildung zum Fachmann Gesundheit ebenfalls erfolgreich abgeschlossen. Gregus: «Dieser Junge musste sich als 14-Jähriger quasi alleine in einem fremden Land behaupten. Das ist eine grosse Herausforderung für einen jungen Menschen.» Die anfänglichen Schwierigkeiten beim Spracherwerb seien mit dem Besuch des so genannten Brückenangebotes nach Ende der obligatorischen Schulzeit weitgehend aufgefangen worden.

In der anschliessenden Podiumsdiskussion antwortete Walter Strasser auf die Frage eines Votanten, wie mit asylsuchenden Männern, die irgendwo als grössere Gruppe platziert würden, umzugehen sei: «Es wäre enorm wichtig, diese Menschen möglichst schnell aus einer solchen Umgebung rauszuholen.»

Zyklus «Die Muslime in der Schweiz – und ihre Integration»; Unternehmerisches Gespräch vom 25. Mai 2016 «Die Muslime in der Schweiz – die Rolle von Schulen, Berufsbildung und Arbeitswelt»; mit Walter Strasser, Schulleiter Sekundarschule Müllheim, und Beatrice Gregus, Rektorin Bildungszentrum für Gesundheit und Soziales, Weinfelden; Moderation: Christoph Vollenweider, Leiter Unternehmertum; Zusammenfassung: Marcel Vollenweider.

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