«Die Flexibilität der Wasserkraft ist unser grösster Trumpf»

Im Nachgang zur Reaktor-Katastrophe von Fukushima im Frühling 2011 haben Bundesrat und Parlament einen Grundsatzentscheid zum Ausstieg aus der Kernenergie gefällt. Dieser bedingt einen sukzessiven Umbau des Schweizer Energiesystems im Rahmen der Energiestrategie 2050 des Bundes. Der aktuelle Stand der Energiewende wurde auf Lilienberg von staatlicher Seite von Dr. Matthias Gysler, Chefökonom im Bundesamt für Energie, und von privatwirtschaftlicher Seite durch Dr. Urs Meister, Leiter Regulierungsmanagement, BKW AG, vorgestellt. Mit dem Publikum speziell diskutiert wurden die niedrigen Energiepreise und insbesondere die Einbettung der Schweizer Netze in den Europäischen Markt.

 Simon Wallisch     07.05.2016

Die erste Erkenntnis des Abends war, dass eine Energiewende sehr viel mehr umfasst als nur Strom: Eine ganzheitliche Strategie für den Ausstieg aus dem Atomstrom hat Auswirkungen in vielen Bereichen des Sektors. Laut Matthias Gysler lassen sich die Ziele der Schweizer Energiestrategie nicht nur «in einem Stromkontext» lösen, sondern bedürfen der Substitution zwischen den verschiedenen Energieträgern. So könne die Nachfrage nach Strom nicht so schnell gesenkt werden wie jene nach fossilen Energieträgern, so Gysler, der den Stand der Dinge aus Sicht des Bundesamtes für Energie darlegte und einen Überblick über die unterschiedlichen Schritte und Massnahmenpakete lieferte.

Energiestrategie fördert Innovation

Die Energiestrategie 2050 des Bundes «treibt den technologischen Wandel für die Zukunft voran», so Gysler. Der Ausstieg aus der Atomenergie helfe, die dazu nötigen Innovationen auf den Markt zu bringen und entsprechende Investitionen zu tätigen. Er betonte aber: «Die Atomenergie-Forschung ist weiterhin erlaubt und wird gefördert.»

In der ersten Phase der Energiestrategie 2050 haben beide Eidgenössischen Räte einem «ersten Massnahmenpaket» bereits zugestimmt: Erwähnt seien etwa Initiativen zur Steigerung der Energieeffizienz (Gebäude, Mobilität, Industrie, Geräte), der Ausbau der erneuerbaren Energien und der Atomausstieg. Zusätzlich laufen Programme im Bereich der Energieforschung und Innovationsförderung. Auch zur weiteren Erhöhung des maximalen Netzzuschlages auf 2,3 Rappen pro Kilowattstunde haben die Räte Ja gesagt. In Kombination mit anderen Massnahmen will man so langfristig den «Übergang vom Förder- zum Lenkungssystem» vorantreiben.

Für die weitere Umsetzung der Energiestrategie, deren Details auf der Website www.energiestrategie2050.ch ersichtlich sind, sieht Gysler aber auch grosse Herausforderungen: So sei seit der Finanzkrise das wirtschaftliche Umfeld schwieriger geworden. Wegen der sinkenden fossilen Energiepreise, besitze die Schweiz kaum noch kostendeckende Kraftwerke. Auch der zweite Marktöffnungsschritt auf dem Strommarkt steht noch aus. Die zuständige Bundesrätin, Energie-Ministerin Doris Leuthard, sei zwar weiterhin für die volle Strommarktöffnung, momentan gäbe es dafür aber keine Mehrheiten.

Netzzuschlag nur ein Tropfen auf den heissen Stein

Die wirtschaftliche Sicht wurde vom Leiter Marktregulierung der BKW AG aus Bern, Dr. Urs Meister, präsentiert. Mit über 1 Million Stromkunden bedient die BKW AG alle Wertschöpfungsstufen der Stromerzeugung und Verteilung des Stroms und ist damit zentral mit der Energiestrategie 2050 konfrontiert. Auch Meister stellte einige Eckpunkte der Strategie vor und ging aus Sicht seines Unternehmens darauf ein.

Meister argumentierte, der Netzzuschlag sei für die Finanzierung der Energiestrategie nur ein «Tropfen auf den heissen Stein» und verwies auf den ungleich höheren Zuschlag, der in Deutschland gezahlt werden müsse. Die Förderung der Grosswasserkraft sei wegen der niedrigen Strompreise eher eine Subvention, und der Bau neuer Kraftwerke würde sich deshalb auch nicht lohnen. Diese Entwicklungen stehen aber abseits der Schweizer Politik, deren Kreativität bei der Erarbeitung von Massnahmen Meister lobt. Anhand von Grafiken machte Meister klar, dass die Strompreise mit jenen in Deutschland, Italien sowie dem Gas- und Kohlepreis korrelieren, worauf der Preisverfall in den vergangenen fünf Jahren zurückzuführen sei.

Die «vielfältigen Unsicherheiten» mit denen sich ein Wettbewerbsunternehmen auf dem Energiemarkt auseinandersetzen muss, wurden von Meister klar aufgezeigt. Von den Veränderungen im Marktdesign, über die Energiepreisentwicklung, bis hin zur technischen Dynamik der Entwicklung und den Unstetigkeiten in der weltweiten, Europäischen und Schweizerischen Energiepolitik betroffen, baue die BKW heute vor allem auf die Sicherung der konventionellen Produktion und der Weiterentwicklung des Servicegeschäfts. Angebote für die Steuerung dezentraler Stromnetze sind hier ein neues Geschäftsfeld.

In der abschliessenden Diskussion waren sich Gysler und Meister einig: Der Trumpf der Schweiz ist weiterhin die Flexibilität ihrer Wasser- und Speicherkraft. Die vielversprechendste Technologie sei zwar die Photovoltaik – diese schade sich aber selbst, wenn an sonnigen Tagen mehr Strom eingespeist wird und dadurch kurzfristig die Preise sinken. Unser Land  könnte hier direkt im attraktiven Kurzfrist-Handel mitspielen und mit seiner konstanten Wasserkraft bei grosser Preisvolatiltät durch die erneuerbaren Energien gute Gewinne machen, betonte Meister. Dieses Potenzial könne aber nur erschlossen werden, wenn die Integration in den Europäischen Strommarkt erfolgt. Sogar die existierenden Verträge würden von der EU schon «sehr freundlich ausgelegt», so Gysler.

Zyklus «Innovationen im Energie- und Umweltbereich – Ja, aber wie?»; Unternehmerisches Gespräch vom 25. April 2016 «Die Energiestrategie 2050 und die Energiewende: Wo stehen wir heute mit der Energiewende?»; mit Dr. Matthias Gysler, Chefökonom Bundesamt für Energie, Leiter Marktregulierung, und Dr. Urs Meister, Leiter Regulierungsmanagement, BKW AG; Moderation Christoph Vollenweider, Leiter Unternehmertum; Zusammenfassung: Simon Wallisch.

 

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