Care-Management ist Chefsache – doch viele Führungskräfte sind nicht dafür geschult

Fehlen Arbeitnehmer wegen Krankheit, kann das eine Reihe von Problemen in der Firmenleitung und im Team auslösen. Damit kranke Mitarbeiter optimal betreut sind, empfahl Chris Holzach, CEO der Synaps Care, an einer Kooperationsveranstaltung auf Lilienberg ein zentral geleitetes Care-Management. Laut Statistik nimmt die Zahl der Absenzen aufgrund von Erkrankungen, aber auch von Unfällen kontinuierlich zu.

 Bruno Fuchs     02.02.2017

Laut einem OECD-Bericht aus dem Jahr 2014 ist jeder Arbeitnehmer im Durchschnitt acht bis neun Tage pro Jahr infolge Krankheit abwesend. Am längsten krank sind Arbeitnehmer, die im Baugewerbe sowie im Gesundheits- und Sozialwesen tätig sind. In den Bereichen Information, Kommunikation und im Gastgewerbe arbeiten jene, die am wenigsten lang krank sind. Matthias Mölleney, Inhaber der Beratungsfirma people Xpert GmbH, geht davon aus, dass die Tendenz der Erkrankungen steigt. Als Gründe sieht er die gesellschaftliche Entwicklung, das veränderte Freizeitverhalten und sich wandelnde Führungssysteme. Ein umfassendes Problem stellen psychische Erkrankungen dar: Menschen, die darunter leiden, sind über längere Zeit krank und schaffen es manchmal nicht mehr zurück an den Arbeitsplatz.

Mölleney ging in seinem Referat am Kooperationsanlass des Lilienberg Unternehmerforums und der Synaps Care AG auf Führungssysteme ein. Diese haben sich in den vergangenen vier Jahrzehnten stark gewandelt. In den Achtziger Jahren erfuhren die Arbeitnehmer eine klare Steuerung von oben. Damals führten die Firmenchefs ihre Betriebe mit autoritärer Hand. Mitte der Neunziger Jahre setzten die CEOs auf Kooperation im Team. Danach spielte laut Mölleney das Vertrauen eine zentrale Rolle. Er sagte: «Um das Vertrauen der Mitarbeitenden zu gewinnen, braucht es Identifikation.»

Gemäss Umfragen in Deutschland nennen 15 Prozent der Arbeitnehmer, sie hätten eine grosse emotionale Bindung zur Firma, bei der sie arbeiten. 61 Prozent haben eine geringe emotionale Bindung und 24 Prozent gar keine. Hier liegt laut Mölleney eines der Probleme: Arbeitnehmern ohne emotionale Bindung zum Betrieb fehlen häufiger am Arbeitsplatz, wechseln öfters die Stelle und leisten weniger gute Arbeit als ihre Kollegen, die eine hohe emotionale Bindung haben.

Um Identifikation beim Mitarbeiter zu schaffen, sieht der Berater drei Möglichkeiten: über den Job, das Team oder das Unternehmen. «Am besten ist es, wenn man Identifikation über alle drei Kanäle schafft. Sollte der Mitarbeiter nicht die gleichen Ideale wie die Firma oder der Chef haben, wird es schwierig für alle Beteiligten», so Mölleney.

Psychische Erkrankungen nehmen zu

Laut Manuel Niedermann, Leiter Care Management Unternehmen der Swica Krankenkasse, leiden viele Menschen an psychischen Problemen. In mehr als 90 Prozent der Betriebe ist schon mindestens einmal eine Person psychisch erkrankt. Die Swica führte eine Umfrage bei einem Betrieb mit rund 5000 Arbeitnehmern durch und stiess auf erstaunliche Zahlen: Von 2012 bis 2015 nahmen die psychischen Erkrankungen um 48 Prozent zu; die Anzahl Tage der Arbeitsunfähigkeit stieg in dieser Zeit um 37 Prozent. Die Leistungskosten der Swica kletterten von 7,5 Millionen Franken auf 10,6 Millionen Franken.

Diese Ausfälle belasten Teams und Führungspersonen stark. Wut über das Verhalten des psychisch Kranken, Gefühle der Ohnmacht und Konflikte im Team breiten sich aus. Mitarbeiter beklagen sich bei der Firmenleitung über Kollegen und äussern Gedanken, die Arbeitsstelle zu wechseln.  

Doch: Über 70 Prozent der Führungskräfte sagen, sie wären nie geschult worden, wie sie mit psychisch auffälligen Mitarbeitern umgehen können. Laut Niedermann tun sich Führungskräfte schwer, einen Mitarbeiter auf seine psychischen Probleme anzusprechen. Sie suchen dann das Gespräch, wenn die Leistungseinbussen des Mitarbeiters klar dokumentiert werden können oder wenn Verfehlungen vorliegen. Niedermann empfiehlt den Führungspersonen, externe Unterstützung zu holen und allgemein für Mitarbeitende eine niederschwellige Beratung einzurichten. «Je früher Mitarbeiter Hilfe holen, desto besser kann ihnen geholfen werden.»

Care-Betreuung vom ersten Tag an

Chris Holzach, CEO der Synaps Care AG, kennt sich beim Gesundheitsmanagement in Betrieben bestens aus. Er ist überzeugt: Motivation und Leistungsfreude der Mitarbeiter fördern sind wichtig – ebenso wie deren Ausbildung. Erkrankt ein Mitarbeiter, ist es laut Holzach wichtig, sich bei diesem noch am gleichen Tag über sein Befinden zu erkundigen. «Die Care-Betreuung muss in der ersten Woche der Erkrankung aktiv sein», sagte er. Es sei sinnvoll, wenn das Care-Management zentral geleitet wird. Anstelle eines Arztzeugnisses empfiehlt er auf das Vertrauen der Mitarbeiter zu setzen. Chris Holzach plädierte: «Der Mitarbeiter hat das Recht auf Krankheit, aber auch die Pflicht, gesund zu werden.»

Unternehmerisches Gespräch vom 25. Januar 2017 «Arbeitnehmer werde immer öfter krank – eine vordringliche Führungsaufgabe»; mit Matthias Mölleney, Präsident Zürcher Gesellschaft für Personal-Management sowie Gründer und Managing Partner peopleXpert GmbH, Manuel Niedermann, Leiter Care Management Unternehmen, Gesundheitsorganisation SWICA, Chris Holzach, Gründer und CEO der Synaps Care AG, und Willi Wengi, Personalchef der Walter Reist Holding AG, Hinwil; Moderation: Christoph Vollenweider, Leiter Unternehmertum; Zusammenfassung: Bruno Fuchs.

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