«Integration bedingt die Anstrengungen aller»

Die Integration von Muslimen in der Schweiz war zentraler Betrachtungspunkt an einer Gesprächsrunde mit Sakib Halilovic und Peter Junker. Der Imam einer bosnischen Gemeinde in Schlieren und der ehemalige Fussballtrainer waren sich einig, dass Integration vor allem über die Sprache und im gelebten Alltag, etwa am Arbeitsplatz oder in der Freizeit, geschehen kann.

 Marcel Vollenweider     05.04.2016

Die ehemalige Zürcher Kantonsrätin Sabine Ziegler moderierte den dritten Gesprächsanlass, den die Lilienberg-Verantwortlichen im Rahmen der Gesprächsreihe «Die Muslime in der Schweiz - und ihre Integration» ausgeschrieben hatten.

«Trainer leisten auch Erziehungs- und Integrationsarbeit»

Peter Junker, der einstige Fussballtrainer, strich in seinem Referat in der Frage der Integration von Muslime in der Schweiz die Bedeutung von Sportvereinen hervor. «Speziell die Fussballvereine sind stark herausgefordert, denn in deren Juniorenteams spielen teils bis zu 90 Prozent Spieler mit Migrationshintergrund. Da nahezu 100 Prozent dieser Junioren auch noch so genannte Schlüsselkinder sind, haben die Fussballtrainer neben der taktisch-technischen Schulung auch wichtige Erziehungs- und vor allem Integrationsaufgaben zu übernehmen», äusserte sich Junker, der an der Hochschule für Soziale Arbeit als Dozent wirkt.

Ein Votant fragte, ob denn genau solche Parameter in der Trainerausbildung ausreichend Stellenwert erhalten würden. Der Referent verneinte dies. Er ist überzeugt, dass in die Vermittlung von psychologischen Kenntnissen noch mehr investiert werden müsste.

«Wichtig wäre aber auch, dass Vereinstrainer Kenntnisse über kulturelle Hintergründe und Besonderheiten hätten», betonte Junker. «Der Fussballtrainer von heute ist eben vor allem auch ein Integrationsexperte.» Ein Trainer solle zudem wissen, zu welchem Zeitpunkt ein Spieler zum Beispiel wegen der Fastenzeit einen veränderten Tagesablauf habe. «Oftmals kommt in der Beziehungsarbeit zwischen Trainer und Spieler Nichtwissen in die Quere und sorgt für atmosphärische Störungen. Dabei geht es doch vor allem auch um den Umgang miteinander», sagte der Redner. Handlungskompetenz im Konfliktmanagement erachtet Junker gerade in Zeiten, in denen die Mannschaften aus Spielern unterschiedlicher Herkunft zusammengesetzt sind, als bedeutend.

«Integration läuft über die Sprache»

«Muslimische Gemeinschaften sind wie Fussballvereine ebenfalls Orte der Integration», führte Sakib Halilovic im angeregten Austausch mit den Zuhörern aus. Max Jöhl, Besucher des Anlasses, fragte nach, was denn die muslimische Gemeinschaft in Schlieren konkret an Integrationsarbeit geleistet habe und weiterhin leiste. Integration und die angestrebte Anerkennung der muslimischen Gemeinde durch den Staat könnten ja nicht einfach nur eingefordert werden.

Der Imam der bosnischen Gemeinde in Schlieren ist überzeugt, dass die Integration der Muslime in der Schweiz vor allem über die Sprache läuft. «Wir organisieren regelmässige Sprachkurse und laden gerne auch Schweizer in unsere Gemeinde ein, um am Programm mit multikulturellem Charakter teilzuhaben», betonte Halilovic. Er stelle fest, dass es bezüglich Integrationsbemühungen oft nicht am Willen fehle, sondern eher am Wissen darum, wie man proaktiv Anstrengungen leisten könne. Auch finanziell habe man in Schlieren einiges investiert. Man habe als muslimische Gemeinschaft Immobilien gemietet oder gekauft und auch mehrere Arbeitsplätze geschaffen. Zudem habe man einen eigenen Fussballklub gegründet. «Es ist bedeutend, dass sich unsere Mitglieder nicht abschotten, sondern nach aussen öffnen», hielt er fest.

Anerkennung durch den Staat gewünscht

Halilovic hatte in seinen Ausführungen zuvor gefordert, dass eine staatliche Anerkennung seiner muslimischen Gemeinde vieles vereinfachen würde auch bezüglich Integrationsfragen. «Ein anerkannter rechtlicher Status würde den Muslimen in der Schweiz helfen, doch die Integration der muslimischen Gemeinschaft ist institutionell bisher vom Staat nicht abgesichert», betonte er.

Dies erschwere bisweilen, dass Muslime auch Verantwortung übernehmen könnten. Er nehme nach wie vor eine Verunsicherung «auf beiden Seiten» wahr, diese gelte es abzubauen, oftmals herrsche Argwohn und Ablehnung vor. Muslime seien in der Schweiz, so der Referent, «nicht mehr nur Gastarbeiter und Nachbarn, sondern Mitbewohner». Nachbarn könnten viel voneinander lernen. Die Verfassung garantiere dabei Religionsfreiheit.

Zyklus «Die Muslime in der Schweiz - und ihre Integration»; Unternehmerisches Gespräch vom 21. März 2016 mit Sakib Halilovic, Imam,  und Peter Junker, Dozent für Soziale Arbeit/Berater von Fussballclubs; Moderation: Sabine Ziegler, ehemalige Zürcher Kantonsrätin; Zusammenfassung: Marcel Vollenweider.

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